Choraltar von Georg Schreiner, 1922

Für den majestätischen liturgischen Raum von Ss. Corpus Christi gab es offenbar kein einheitliches Ausstattungskonzept. Statt dessen wurden prägnante und typische Einzelstücke von Künstlern erworben, die speziell, wenn nicht ausschließlich, in katholischen Kirchenkreisen geschätzt waren. Keiner von ihnen war in der Berliner Diaspora ansässig, sie hatten ihre Werkstätten im katholischen Süddeutschland mit München als Zentrum. Da die zeitgenössische Kunst der Moderne, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts die gesamte Gesellschaft eroberte hatte, von der offiziellen Kirche fast ausnahmslos abgelehnt wurde, waren diese konservativen Künstler bei den Kirchengemeinden hoch geschätzt. Gewünscht wurden nach wie vor die Orientierung an traditionellen historisierenden Stilformen in Architektur, Malerei, Bildhauerei und Kunsthandwerk. Der imposante Hochaltar im Chorraum, auf den die gesamte Architektur hinführt, repräsentiert dieses Bedürfnis höchst eindrucksvoll. Der Bildhauer Georg Schreiner aus Regensburg schuf im Jahre 1922 diesen monumentalen Flügelalter mit hoch in das Chorgewölbe aufsteigendem ornamentalem Gesprenge in Anlehnung an Vorbilder der Spätgotik. Großes Grundthema der gesamten Anlage und des Bildprogramms ist das Altarssakrament, dem die gesamte Kirche gewidmet ist. Die Flügel des geschlossenen Schreines (Werktagsseite) wurden von Martin Feuerstein, (signiert und datiert 1922), bemalt mit der Darstellung Christi in der Todesnot am Ölberg (links) und seiner Grablegung und Beweinung (rechts). Der Schrein wird seitlich von den Heiligen Georg (links) und Florian (rechts) begleitet, großen plastischen Figuren in Rüstungen – es sind die sogenannten Schreinwächter, wie man sie von mittelalterlichen, aber auch barocken Altären her kennt. Sie werden nur sichtbar, wenn der Schrein geschlossen ist. In geöffnetem Zustand (Feiertags- bzw. Sonntagsseite) sehen wir in feierlich nach oben strebender Mittelachse den Tabernakel, darüber die Aussetzungsnische (für die große Monstranz, von der noch die Rede sein wird), bekrönt vom apokalyptischen Lamm, darüber der segnende Christus, bekrönt von Gottvater mit der Taube des Heiligen Geistes - eine Darstellung der Hl. Dreifaltigkeit, die übrigens im (unsachgemäß gefassten) Schlussstein im Chorgewölbe noch einmal erscheint. Diese so gestaltete Mittelachse, die mit ihrem filigranen Gesprengetürmchen an ein mittelalterliches Sakramentshaus erinnert, wird flankiert von vergoldeten Holzreliefs, jeweils in zwei Zonen übereinander: der Aussetzungsnische ist auf einer Seite die Geburt Christi und das Letzte Abendmahl zugeordnet, auf der anderen die Kreuzigung und die Hochzeit zu Kana. Dem apokalyptischen Lamm ist die Verkündigung an Maria auf der einen Seite und die Kreuztragung (bzw. der Abschied Christi von seiner Mutter) auf der anderen zugeordnet und, dem Text der Geheimen Offenbarung (5,6-9) folgend, bringen die Ältesten – hier nur zwölf an der Zahl - dem Lamm in demütiger Geste ihre Kronen. Die Darstellungen sind, aus der Nähe betrachtet, eher von der Kunst der Renaissance geprägt: szenisch und erzählend, lebhaft bis temperamentvoll in Gestik und Mimik, differenziert in der Charakterisierung der Personen, voll reizvoller Details – aber doch feierlich entrückt durch das festlich schimmernde Gold. Vergessen wir auch nicht, dass die Wirkung dieses gewaltigen Hochaltars noch weiter gesteigert wurde durch zwei lebensgroße Engel mit mächtigen Flügeln, die prächtige Kandelaber in den Händen hielten. Nur einer von beiden existiert noch und fristet ein trauriges Dasein auf dem Dachboden – seit der letzten Restaurierung in beschädigtem Zustand.

Der Bildhauer Georg Schreiner (1871 geboren, seit 1907 mit Werkstatt in Regensburg) war für viele hochrangige kirchliche Auftraggeber seiner Zeit tätig. Er war überregional bekannt und gesucht für seine großen vielfigurigen und reich ornamentierten Altarretabel in allen Stilvarianten und aufwendigen Farb- und Goldfassungen, von Regensburg bis Danzig. Er gehörte zu den wichtigen Repräsentanten kirchlicher Bildhauerei, die sich nach wie vor auf die Sicherheit und die Qualität der Tradition verließen in einer Zeit, als sich die Moderne in Kunst und Gesellschaft bereits durchgesetzt hatte. Allein wegen dieses Corpus-Christi-Altares würde sich ein Besuch der Kirche lohnen. Aber sie birgt weitere Schätze.

Christine Goetz
April 2004