"Heldenaltar" von Martin Feuerstein, 1916

Das gilt auch für den Maler Martin Feuerstein (1856-1931). Er ist der dritte bedeutende Künstler an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, der den Versuch machte, neue Qualität in die Kirchen zu tragen. Er vertrat dabei eine biblische Historienmalerei, die in ihrer Haltung und Stimmung der patriotisch orientierten profanen Historienmalerei der Zeit sehr nahe kam. Seine „Pieta“, signiert und datiert 1916, diente als Altarbild des Kriegergedächtnisaltars, der zeitweise an der Stelle des Marienaltars und somit an prominenter Stelle der Kirche stand. Die Sockelinschrift erinnert an diese Funktion: „Den im Weltkrieg 1914-1918 gefallenen Helden“. Das Werk wurde gleich nach dem Brand der Kirche im Jahre 1915 als zentrales Ausstattungsstück für den Neubau der Kirche bestellt – also mitten im Ersten Weltkrieg. Feuerstein hatte seit 1898 die Professur für religiöse Malerei an der Münchener Kunstakademie und war in katholischen Kreisen sehr bekannt. Seine „Pieta“ für die Ss.-Corpus-Christi-Kirche wurde ebenfalls in „Die Christliche Kunst“ veröffentlicht und sehr geschätzt. Feuerstein traf mit diesem Gemälde einen Zeitgeist, ein offizielles geistiges Klima, das nicht Triumph und Jubel anstrebte, sondern den Schmerz, den es mitten im Krieg als sinnvolles Opfer anzunehmen und zu überhöhen galt. Der Maler hat hier den Schmerz der Maria inszeniert wie auf einer Bühne, voller Pathos und kalkulierter Wirkung. Der tote Christus ist in dramatischer Perspektive dem Betrachter entgegengeschoben, der Klagegestus der Mutter verleiht dem Toten feierliche Bedeutung, ein christliches Heldentum, das der Betrachter unmittelbar mit vaterländischer Opfergesinnung in Verbindung zu bringen wusste.

Christine Goetz
April 2004