Bekanntlich hat Berlin manche Besonderheiten, die andere Städte nicht haben. Dazu gehören die „Hofkirchen“ dieser Stadt, eine Bezeichnung, die unweigerlich zu Deutungsdifferenzen führt:
Wer aus Bayern kommt, stellt sich unter „Hofkirche“ eine Kirche in einem höfischen, aristokratischen Ambiente vor, in einem Schloss oder einer Adelsresidenz. Wer aus Berlin kommt, weiß sofort: Nur der Hinterhof kann gemeint sein. Die Berliner Hofkirchen, evangelisch wie katholisch, prägen das Stadtbild in vielen Bezirken, vor allem aber bergen sie mitunter Überraschungen, die niemand erwartet angesichts der bescheidenen und meist turmlosen Fassaden, die in die Häuserfronten eingebunden sind und nicht groß auffallen. Die Kirche Corpus Christi ist eine sehr typische Berliner Hofkirche.
Sie wurde nach Plänen von Regierungs- und Baurat Max Hasak (1856-1934) errichtet, der zu den einflussreichen und typenbildenden Kirchenbauern des katholischen Berlin an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zählt. Bekannt wurde er auch durch seine Aufsehen erregende Fertigstellung des Außenbaus der St.-Hedwigs-Kirche (ab 1887), der späteren Kathedrale. Max Hasak war es, der auf die Kuppellaterne das große vergoldete Kreuz aufsetzte, wie es die ursprünglichen Pläne des 18. Jahrhunderts vorsahen, was dem tempelartigen „Pantheon“ nun ein deutlich christliches Erscheinungsbild verlieh. Er arbeitete in historisierend-neugotischen Stilformen in reicher und immer freier werdenden Variationsbreite, nachvollziehbar an St. Sebastian auf dem Gartenplatz (Berlin-Wedding, 1890-93), St. Mauritius (Berlin-Lichtenberg, 1891-92, erweitert 1905-06), St. Pius (Berlin-Friedrichshain, 1893-94), St. Bonifatius ( Berlin-Kreuzberg, 1906-07) und der Heilig-Kreuz-Kirche (Berlin-Wilmersdorf, 1911-12) . Seine erste Ss.-Corpus-Christi-Kirche für den Bezirk Prenzlauer Berg entstand 1904, aus Kostengründen zunächst als Teilkirche, die Fassade und die flankierenden Wohnhäuser waren 1908 vollendet. Ein Brand im Jahre 1915 zerstörte diesen Bau mitsamt der Innenausstattung. Aber man konnte nach einer anderen Planvariante von Hasak 1918-1920 wieder neu beginnen. Die jetzige Kirche entstand (Weihe am 5.12.1920), ein Baukomplex aus ziegelverblendetem Mauerwerk mit gliedernden Teilen in hellem Werkstein, lückenlos und stimmig integriert in die Blockbebauung, mit einer aus der Häuserfront zurückspringenden schmalen Fassade, die so einen kleinen Vorplatz bildet. Der einfache turmartige Aufsatz kam erst 1990 hinzu. Mehr ist von der Straße aus nicht zu sehen. Die Besucher finden das Hauptportal fast immer verschlossen, was den Nicht-Berliner ratlos macht, die Eingeweihten aber wissen, dass man sich über das unmittelbar angrenzende und vom Architekten mitgeplante Wohnhaus Zugang zum Hinterhof verschafft und dort erstreckt sich das Langhaus der Kirche, ein riesiger Baukörper. Kein neuer Besucher ist auf diese Dimensionen gefasst, und wenn er schließlich nichtsahnend durch den wenig spektakulären Seiteneingang in den Innenraum der Kirche Ss. Corpus Christi gelangt, ist er mit einem Schritt in einer völlig anderen Welt. Eine gewaltige, weiträumige Hallenkirche erstreckt sich vor uns, in gotisierenden Stilformen, mit ungewöhnlich breitem Mittel- und schmalen Seitenschiffen, die Säulen aus grauem und rotem Sandstein mit vegetabilisch und figürlich gestalteten Kapitellen (Evangelistensymbole) und Wandkonsolen (Engel mit Stiftungsinschriften), überspannt von einem reichen Sterngewölbe mit plastischen Engelsbüsten und Spruchbändern als Schlusssteinen ein in Stein gebauter Himmel. Die Großzügigkeit und der Anspruch dieser Kirchenarchitektur im Hinterhof überraschen und beeindrucken, sicherlich auch durch den Kontrast zur zurückhaltenden Selbstdarstellung zur Stadt hin. Der Innenraum wurde 1976-77 renoviert und der Altarraum liturgisch umgestaltet, 1992 erfolgte eine weitere grundlegende Renovierung.
Christine Goetz
April 2004