Wort zum 5. Sonntag der Osterzeit

Ihr Lieben,

es hat sich einiges getan in der letzten Woche. Zum Beispiel sind die Straßen wieder voller – leider.  Mundschutz tragen ist zur Pflicht erhoben worden und ich finde es ziemlich komisch, damit einkaufen zu gehen. Bei allen anderen Menschen irritiert mich das gar nicht, aber ich selber hinter Brille und Mundschutz hab das Gefühl, nicht ganz ich zu sein.

Ist das Leben inzwischen wieder normal? Nein, irgendwie tut es nur so. Die ersten Schulkinder dürfen, wenn sie Glück haben, für ein paar Stunden Unterricht vor Ort genießen, die Kitakinder, wenn sie systemrelevante Eltern aufweisen in die Kita gehen und viele Menschen sind noch kräftig im Homeoffice beschäftigt.

Ich persönlich kam mir diese Woche wie vom Hygieneamt vor. Womit mussten wir uns in den Gemeinden alles beschäftigen: vorsichtshalber Atemmasken ordern, Desinfektionsmittel für die Hände und Desinfektionsmittel für die Flächen besorgen, Spender für selbige bestellen, Aushänge vorbereiten, Mails auf den Weg bringen mit seltsamen Hygieneanweisungen und Abstandsregeln, entscheiden ob Gottesdienstbesucher mit Anmeldung oder ohne Anmeldung Gottesdienste besuchen dürfen, und die Krönung war dann wohl mit dem Zollstock in der Kirche 1,50 m abzumessen und Plätze für mögliche Gottesdienstteilnehmer*innen vorzubereiten. Spaß geht anders und vor allem Gottesdienstvorbereitung geht doch nun wirklich anders.

So hat mich ein Blick auf die Website des Bistums Magdeburg (ich wollte Gottesdienstzeiten für meine Mutter recherchieren) aufmerken lassen: „Würdig feiern ohne Ausgrenzung“ heißt es da und man kann beispielsweise folgenden Satz von Bischof Feige lesen: „Auf die Feier von sogenannten öffentlichen Gottesdiensten soll verzichtet werden, solange die staatlichen Hygienevorschriften einem würdigen Vollzug entgegenstehen und Gläubige von deren Mitfeier ausgeschlossen werden müssen.“ Und dieser Verzicht gilt mindestens bis zum 25.5.
Nach dieser Hygiene-Woche in Vorbereitung auf Gottesdienste, empfinde ich diese Worte als sehr wohltuend und vor allem spüre ich, dass ich dankbar bin, dass „ein verantwortlicher Hirte“ für sein Bistum ablehnt, unter diesen doch recht seltsam anmutenden Bedingungen Gottesdienst zu feiern.

Des Weiteren haben in dieser Woche auch die Diskussionen um Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit der gesamten Maßnahmen innerhalb des Corona-Krisen-Managements zugenommen. Corona-Leugner und Verschwörungstheoretiker verbreiten Verdrehungen und Fantasien zur Krise und diese wiederum greifen um sich wie ein Lauffeuer. Mich beunruhigt das und lässt mich verunsichert zurück. Schon lange muss man ja nicht mehr so unbedingt und ganz genau bei der Wahrheit bleiben. Das wird leider von höchsten Amtsinhabern beispielgebend vorgelebt und findet zunehmend Anhängerschaft.
So hat mich ein Wort aus dem Sonntagsevangelium (Joh 14,1-12) förmlich angesprungen: Wahrheit.
Neben ziemlich verrätselten Aussagen und bekannten und vertrauten Sätzen aus der sogenannten Abschiedsrede Jesu, gibt es eben auch eines der sieben sehr bekannten Ich-bin-Worte Jesu zu lesen: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.
 „Was ist Wahrheit?“, fragt Pilatus den gefesselten Jesus (Joh 18,38), und man weiß nicht recht, welchen Tonfall man seiner Frage unterlegen soll: Meint er es bekümmert? Meint er es gelangweilt achselzuckend? Meint er es zynisch? Ja – was ist Wahrheit.
In Wahrheit und wahrhaftig miteinander umzugehen ist eines der wichtigsten Grundsteine für gelingende Beziehungen. Jemandem die Wahrheit zu sagen, auch wenn es nicht leicht ist, kann dem anderen auch mal einen Bärendienst erweisen. Bei der Wahrheit zu bleiben, ist oberste Umgangsregel. Das habe ich schon als Kind gelernt und es geht so gar nicht in meinen Kopf, dass Menschen mit sehr offensichtlichen und platten Lügen trotzdem ganz oben mitmischen und eine Vielzahl an Menschen das auch noch gut findet.
Wie tröstlich ist es da, dass es zwischen mir und meinem Gott anders läuft. Wir gehen ehrlich miteinander um. Er kennt mich, weiß um mich, und ihm muss ich einfach nix vormachen und ich weiß mich trotzdem geliebt. Ich lebe und liebe in Gott. Und manchmal meckere ich auch mit ihm (ihr?), wenn ich einfach mal wieder die Nase voll habe.
Ich wünsche mir sehr, dass „Wahrheit“ wieder mehr Gewicht erhält, dass Menschen den Mut finden, bei der Wahrheit zu bleiben. Auch wenn das manchmal schwer fällt – aber es lohnt sich für ein glückendes und glückliches Miteinander.
So bleibt weiterhin behütet und sehr herzlich gegrüßt und bis wir uns Wiedersehen – na ihr wisst schon: halte Gott dich fest in seiner Hand.

Regina Harzdorf

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